16x Webinale & IPC 2019: Holt Euch das Web zurück!

Die International PHP Conference (IPC) und die Webinale 2019 sind in Berlin mit einer mitreißenden Keynote von Bruce Lawson gestartet. Auf der Konferenz präsentierten über 50 Speaker in über 70 Sessions, Keynotes und Workshops die neuesten Entwicklungen und Trends in den Bereichen PHP, WebTech und Online Marketing. Wir haben 16 Highlights herausgegriffen!

Take-away #1: Holt Euch das Web zurück!

Den Startschuss zur IPC & webinale 2019 gab Program Chair Sebastian Meyen mit seiner Eröffnungsrede, in der er auf die aktuelle Diskussion über die Macht des Internets einging. Womöglich hat der YouTuber Rezo mit seinem Aufsehen erregenden Video zur Europawahl für eine Zeitenwende in der politischen Diskussion gesorgt. Erstmals hat ein Influencer eine Wahl vielleicht sogar entscheidend beeinflusst. Gleichzeitig findet die politische Elite keine Antwort auf den kontroversen Diskurs im Web. Irritiert, hilflos und panisch möchten manche Politiker daher am liebsten das Internet regulieren. Das Web ist ein „strange place…for some“, wie es Sebastian Meyen in seiner Eröffnungsrede treffend auf den Punkt brachte.

Abseits der kontroversen Diskussion um die Macht des Internets bleibt das Web ein Ort, an dem stetig und hart gearbeitet wird. Webentwickler sollten dabei ihre Visionen nicht aus den Augen verlieren und ihre bahnbrechende Kreativität auch in unruhigen Zeiten bewahren.

Sebastian Meyen eröffnet die Webinale / IPC 2019

Take-away #2: The Internet is for everybody!

An den Spirit des Internets erinnerte auch der bekannte Webentwickler und Autor Bruce Lawson in seiner anschließenden Keynote „How to make Loveliness: an HTML Treasure Hunt“. Bildlich gesprochen machte Lawson dabei eine Schatzkarte auf, auf der er die Grundzüge von robusten, gut lesbaren und erreichbaren Webseiten nachzeichnete. Lawson zitierte den Begründer des World Wide Web Tim Berners-Lee mit den Worten „We broke the web“. Schlechte Fonts, mangelnder Kontrast, fehlende Untertitel – dem User werden immer größere Hürden in den Weg gelegt. Lawson hielt daher ein Plädoyer zu den ursprünglichen Prinzipien des Internets: „Back to the roots“ sollte daher wieder das Motto sein. In diesem Sinne rief Lawson im prall gefüllten Konferenzsaal dazu auf, wieder gut lesbare und zudem leicht testbare Webseiten zu bauen.

Darüber hinaus machte Lawson darauf aufmerksam, dass im Internet immer mehr Menschen auf der Welt ausgegrenzt werden. Seiten, die nur mit einem superschnellen Internet performen, sind für die Mehrzahl der Nutzer mit schlechter Infrastruktur kaum erreichbar. Bruce Lawson erinnerte daher eindringlich in seinem Schlusssatz „Internet is for everybody!“ daran, eine globale Sichtweise auf das Web und seine User einzunehmen.

Take-away #3: SEO ist ein ökonomisches Thema

Webseiten für die Suchmaschine zu optimieren, beginnt meist mit einem ausführlichen Audit – etwa über eine Traffic-Analyse mit Tools wie Google Analytics oder PageSpeed Insights. Ziel des Audits ist es, den Ist-Zustand einer Website festzustellen, ihn mit einschlägigen Best Practices zu vergleichen und daraus Maßnahmen für eine Optimierung abzuleiten.

Wichtig dabei ist eine richtige Priorisierung, wie Jens Fauldrath (get:traction GmbH) in seinem Vortrag betonte. Denn nicht jedes erkannte Problem ist gleich ein Showstopper für den Erfolg einer Webseite. Hier kommt es immer individuell auf die Zielsetzung, die Größe, die technische Grundlage der Website sowie auf das vorhandene Wissen im Team an. Ist beispielsweise der richtige Navigationsaufbau bei Webauftritten unter 1000 Seiten essentiell, fällt er bei großen Seiten jenseits der Millionengrenze eher wenig ins Gewicht.

 

Jens Fauldrath in seiner Webinale-Session: OnPage-SEO-Audit – Was sollte wann betrachtet werden

Das vielleicht wichtigste Take-away: Es ist völlig kontraproduktiv, sich SEO-Maßnahmen vorzunehmen, die mit den vorhandenen Ressourcen nicht zufriedenstellend zu realisieren sind. Oft erlebt man hier Überraschungen, etwa dass vermeintlich kleine Aufgaben aus internen Gründen kaum durchzuführen sind, während andere, vermeintlich aufwändigere Optimierungen vom Team schmerzfrei gemeistert werden können. Hier gilt es, sich genauestens mit der Personalsituation, den Unternehmensstrukturen und den technischen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Oder wie Jens Fauldrath es ausdrückte: „Wenn dir jemand am Telefon SEO-Maßnahmen vorschlägt, ohne je das Team getroffen zu haben – leg‘ sofort wieder auf.“

Ergo: SEO ist ein ökonomisches Thema: Wie kann ich mit begrenzten Ressourcen die maximale Wirkung erzielen.

Take-away #4: Tipps und Tricks für den Weg durch den SEO-Dschungel

Möchte man sein Produkt online gut verkaufen und Erfolge erzielen, kommt man um SEO nicht herum. Denn ein gutes Ranking bei Google kann über den Erfolg des Produkts, beispielsweise eines Onlineshops entscheiden. Allem voran steht die Frage, wie fängt man an „SEO zu machen“. SEO-Experte und Buchautor von „Suchmaschinen für Dummies“, Julian Dziki (Seokratie GmbH) hat in seiner Session „Wie bekomme ich bessere Rankings? das Handwerkszeug für den Weg durch den SEO-Dschungel gegeben.

Am Anfang steht die Beschränkung und Definition der Zielgruppe. Mit dem Erstellen einer oder mehrerer Persona, also der Erzeugung eines fiktiven „echten“ Kunden – auch als Märchenkunde zu bezeichnen – kann dabei schon helfen. So wird die Zielgruppe greifbarer, da man weiß, welche Art von Inhalte gefragt sind, ob man die Persona Duzen oder Siezen sollte und auf welchen Plattformen sie unterwegs ist. Ebenso kann man so in Erfahrung bringen, welches Marketing der Persona gefallen würde und wie man sie am besten emotional berühren kann. Ist der Anfang gemacht, bedarf es einer guten Struktur und guten Prozessen, welche man idealerweise mittels eines Schaubildes darstellt. Dadurch können alle Beteiligten besser nachvollziehen, wer wann welche Aufgabe übernimmt und was im Krankheitsfall passiert. Beherzigt man die genannten Punkte, kann es gelingen, mit SEO dauerhaft Erfolg zu haben.

Take-away #5: So geht Content Marketing für Klopapier

Wie macht man Marketing für Allerweltsgegenstände wie Matratzen? Oder Büroklammern? Oder Klopapier? Indem man eine Geschichte inszeniert, die den Kunden emotional berührt.

Fionn Kientzler von Suxeedo brachte zahlreiche Beispiele aus der Praxis – darunter auch das mittlerweile berühmte Projekt scheisspapier der Hamburger gemeinnützigen Organisation Goldeimer. Dafür wurden tausende von Wahlkampfplakaten der NPD, AFD und anderen rechtsnationalen Parteien gesammelt, geschreddert und zu Toilettenpapier umfunktioniert – frei nach dem Motto „Hass ist für‘n Arsch.“ Content Marketing der feinsten Art, das es sogar in Primetime-Medien wie Bild und Tagesschau schaffte.

Was wie ein verrückt-genialer Einzelfall aussieht, gelingt auch in nüchternen Umgebungen. So traf etwa die Sparkasse mit einem Artikel über Donald Trump den Nerv der Zeit und erreichte hohe Konversionswerte mit dem Titel „Trump ist im Amt – das erwartet die Deutschen.“

Kientzlers Rat: Sucht euch ein Hook, ein Issue, ein Problem, das viele eurer potenziellen Kunden emotional bewegt. Beschreibt dieses Problem ausführlich. Dann erst bietet eine Lösung dafür an.

Take-away an dieser Stelle: Allzu oft reden Marketers immer noch über ihre Lösungen. Im Content Marketing sollten wir viel mehr über die echten Probleme der Zielgruppe nachdenken.

Take-away #6: Designer und Entwickler müssen miteinander reden

Man nehme ein Softwareprojekt und reiche es durch viele Hände: Die Zusammenarbeit von Entwicklern und Designern ist gefragt, um ein schönes Endprodukt zu erzeugen. Doch die Kommunikation zwischen beiden Parteien lässt oft zu wünschen übrig, möchte doch jeder für sich in seinem Silo arbeiten. Designer, Entwickler und Texter Jonas Hellwig (kulturbanause) sieht genau hier Verbesserungspotenzial und kritisiert die Industrie, die dieses Problem noch begünstigt. Denn viele Tools sprechen Designer und Entwickler getrennt voneinander an, anstatt an einem Ort wichtige Inhalte für beide Seiten zur Verfügung zu stellen.

Jonas Hellwig gibt den Session-Teilnehmern mit, dass beide Seiten besser miteinander kommunizieren müssen, um die Übergabe des Produkts aus der Entwicklung in den Designprozess möglichst ohne großen Interpretationsspielraum, d. h. ohne große Lücken zu vollbringen. Letztlich kann es als Win-win-Situation für beide Seiten gesehen werden, wenn der Designer Coding- und der Entwickler UI-Verständnis mitbringt. Ein klarer Vorteil von Coding-Kenntnissen aus Sicht des Designers sei zudem, dass der Designer Tools mit dem erworbenen Wissen unterstützen kann. Stößt ein Tool bei der Erstellung einer Komponente an seine Grenzen, kann er hier mithilfe weniger Klicks und ein bisschen Fachwissen die entsprechende Komponente einfach selbst erstellen.

Wir nehmen mit: Die Kommunikation zwischen Designern und Entwicklern ist besonders wichtig, um ein gutes Endprodukt zu erhalten. Und, keine Scheu vor dem Coding, denn es kann auch Vorteile haben, sich aus Sicht des Designers Coding-Fähigkeiten anzueignen, um ggf. Tools zu unterstützen.

Take-away #7: Muss man TypeScript lieben?

Why I love TypeScript“ – klingt nach einer ehrlichen Liebeserklärung an die ursprünglich von Microsoft entwickelte Programmiersprache. Und in der Tat: Hans-Christian Otto (Suora) hat eine Menge Argumente gefunden, die für die Verwendung der strikteren Variante von JavaScript sprechen. Aber was heißt striktere Variante? TypeScript lässt einem auch viele Freiheiten, auch wenn natürlich die Typedeklaration erst einmal für mehr Arbeit sorgt.

Für große Businessprojekte ist TypeScript auf jeden Fall eine gute Wahl. Außerdem hat TypeScript einige faszinierende Sachen, die man z. B. bei PHP vermisst, wie es Hans-Christian Otto so schön in seinem spannenden Vortrag sagte. Programmiersprachen sind vielleicht Geschmackssache. Aber TypeScript zu lieben – dafür spricht auf jeden Fall einiges.

Take-away #8: Der Weißraum – wie Yoga fürs Lesen

Bei der Gestaltung eines Produktes gibt der Art Director vor, wie das Layout auszusehen hat. Die Rolle des Art Directors kann laut Andy Clark (Designer, Speaker and Writer) von Jedermann eingenommen werden. Jedoch haben diese Position meist besonders erfahrene Designer inne. Denn sie entscheiden wie beispielsweise eine Heftseite in einem Magazin gestaltet werden soll. Dies ist keine leichte Entscheidung, da Art Direction dafür sorgen soll, dass das Design nicht vergessen geht.

Je nach Wahl des Layouts können verschiedene Eindrücke bei den Rezipienten erzeugt werden. In je mehr Spalten und Zeilen Textblöcke eingeteilt sind, desto hektischer und schneller kann ein Beitrag wirken.

Andy Clark in seiner Session: Vom Langsamsten zum Schnellsten (v.l.n.r.): Das Layout entscheidet über die Wahrnehmung seitens des Lesers

Neben den gesammelten spannenden Informationen über Art Direction ist vor allem Andy Clarks Antwort nach seiner Session auf eine Frage von Moderator Frank Puscher (Verlag Spielfigur) hängen geblieben. Es ging um den berühmt berüchtigten Weißraum. Die einen mögen ihn, die anderen versuchen ihn zu vermeiden. Andy Clark sieht ihn als Möglichkeit, Eindruck bei den Lesern zu hinterlassen: Ein Gefühl von Luxus und zugleich ein Wegweiser, der dem Rezipienten zeigt, wo er weiterlesen kann. Frank Puscher und Andy Clark einigen sich schlussendlich darauf, dass er als eine Art Yoga für Lesen angesehen werden kann, da er dem Leser eine Pause zum atmen lässt. In diesem Sinne: Keine Angst vor dem weißen Raum.

Take-away #9: SEO ist ehrlich – ehrlich?

„Zu nichts sind Menschen ehrlicher als zu einer Suchmaschine.“ Mit diesem Zitat begann Matthäus Michalik (Claneo GmbH) seine Session SEO 2019: Wie man in einem kompetitiven Markt wächst. Menschen stellen in Google Fragen, die sie womöglich keine reale Person zu fragen gewagt hätten. Umso schöner ist die Arbeit eines Suchmaschinenoptimierers im Jahr 2019, der die Aufgabe hat, dieser ehrlichen Frage eine genauso ehrliche Antwort zu geben.

Ist das alles, was wir 2019 über SEO sagen können? Natürlich nicht. Nach wie vor zählen Dinge wie Keyword-Analyse, Backlink-Aufbau, Content-Generierung und Conversion-Optimierung zum Handwerkszeug des SEO. Doch steht im Hintergrund immer die Frage: Wie und was sucht unsere Zielgruppe, und wie können wir unsere Inhalte daraufhin optimieren?

Take-away#10: Diversität bedeutet Reibung

Diversität in Unternehmen – ein Thema, über das momentan viel geredet wird, doch was ist der Kern der Sache? Dieser Frage spürte UX-Psychologin Martina Mitz in ihrer Keynote Diversity – a different Perspective nach.

Alle Statistiken belegen es: Die Tech-Branche ist dominiert von weißen Männern. Für mehr Diversität und Gleichberechtigung zu sorgen, hat demnach schon eine ethischen Dimension. Studien haben aber auch gezeigt, dass Unternehmen mit einer diversen Personalstruktur erfolgreicher sind. „Diversity is money“, brachte Martina Mitz diesen Umstand auf den Punkt, der wohl auch dazu geführt hat, dass Unternehmen mittlerweile reihenweise Diversity Manager einstellen.

Doch der Kern der Diversität ist damit nicht getroffen. Für Mitz sind es vier Faktoren, die wesentlich sind:

  1. Geduld & Nachsicht
  2. Beidseitige Empathie
  3. Sich dem Umbequemen zu stellen
  4. Aktiv werden
Martina Mitz auf der webinale 2019: “Friction makes us move”
Martina Mitz auf der webinale 2019: “Friction makes us move”

Bei der Diversität gehe es nicht darum, möglichst viele Nationen in einem Team zu versammeln oder eine möglichst hohe Frauenquote zu erreichen, so Mitz. Das seien reine Äußerlichkeiten. Vielmehr komme es darauf an, sich auf das (womöglich unbequem) Andere einzulassen. Beidseitiges Einfühlen in die Bedeutungswelt und Situation des Gegenüber – Empathie entwickeln.

Wichtig dabei: Empathie hat nichts mit Sympathie zu tun. Gerade an schwierig erscheinenden Persönlichkeiten zeigt sich, wie bereit man ist, das Andere zu akzeptieren und als positiven Impuls anzunehmen. Diversität hat deshalb viel mit der Bereitschaft zu tun, die eigene Komfortzone zu verlassen, so Mitz. Denn nur durch Reibung entstehe Neues – „Friction makes us move“.

Doch bewirken reines positives Denken oder politische Korrektheit hier herzlich wenig. Es kommt vielmehr darauf an, aktiv zu werden. Gerade für die privilegierte Mehrheit sei es wichtig, den ersten Schritt auf das Gegenüber zu machen. Denn Integration sei vor allem eine Aufgabe der Mehrheit – nicht der zu integrierenden Minderheit.   

Eine grandiose Keynote mit einem grandiosen Fazit.

Take-away #11: Jeder kann Geschichten erzählen!

In jedem steckt ein Geschichtenerzähler – so Susanne Harnisch (XO Projects GmbH) im zweiten Teil ihrer Session “Dein Content ist ein Produkt!” auf der webinale 2019 in Berlin. Das wichtigste Element einer Geschichte ist der Konflikt, ein Hindernis, das die Hauptfigur überwinden muss. “Je komplizierter, desto besser!” Steht die Hauptfigur beispielsweise am Abend verzweifelt vor dem Kühlschrank, hat bereits alle Kochbücher durchforstet und weiß trotzdem nicht, was sie kochen soll – dann ist das wichtigste Element bereits erfüllt. Die Geschichte der Hauptfigur durchläuft ein 3-Akt-Schema, das dem Spannungsaufbau dient. Hier sollte der Konflikt besonders deutlich werden. Der Protagonist durchlebt eine Heldenreise und löst sein Problem Schritt für Schritt.

Diese Reise gilt es bis ins kleinste Detail niederzuschreiben.

Wir merken uns: Zum Schluss sollte klar werden, für wen, was, wofür und warum ein Produkt entwickelt wird.

Take-away #12: Slack von PHP zu Hack

2016 begann Slack mit der Migration seiner mehrere Millionen Zeilen umfassenden PHP-Codebasis zu Facebooks Hack-Programmiersprache. Scott Sandler, Senior Staff Engineer bei Slack im Team der Backend Foundation, berichte in seinem inspirierenden Vortrag von beeindruckenden Leistungsoptimierungen, Verbesserungen der Entwicklererfahrung, Muster und Vorgehensweisen für die Verwendung von Hack sowie Open-Source-Beiträge für die Hack-Community.

Unter dem Strich war die Migration überraschend, herausfordernd und am Ende vorteilhaft. Aber natürlich hat auch Hack eine Reihe von Vor- und Nachteilen. Lohnend war die Migration aber besonders aus einem anderen Grund: Tausende von Bugs wurden gefunden und konnten behoben werden. Die Codebasis von Slack ist nun klarer, übersichtlicher und lässt sich besser warten. Scott Sandler und sein Team haben ein Migrations-Abenteuer erlebt und trotz aller Strapazen ein lohnendes Ergebnis erzielt.

Take-away #13: Die dunkle Seite der Conversion-Optimierung

Wer kennt sie nicht, diese Hinweise beim Online-Shopping wie: „Nur noch drei Stück verfügbar“, „12 Personen sehen sich das Angebot gerade an“, „Soeben gebucht!“? Entsprechen sie der Wahrheit – oder handelt es sich eher um Psychotricks, die den User zum Kaufen bewegen sollen?

Um solche „Dark Pattern“ der Kundeninteraktion ging es Kai Radanitsch (eBusinessLab GmbH) in seiner Session „Psychotricks, um Entscheidungen zu manipulieren – was ist legitim und notwendig, was fraglich und was Betrug?„. Aus dem reichhaltigen Fundus an „Conversion optimierenden UI-Tricks“ fanden sich immer wieder fragwürdige Praktiken – etwa wenn ein Online-Shop für Floristik ganz zum Schluss im Kaufprozess bisher nie erwähnte Liefergebühren von 20 Euro aufschlägt. Oder wenn der Abmeldevorgang eines Newsletters die Bestätigung eines Abmeldelinks fordert, der aber erst 20 Minuten später per Mail verschickt wird. Oder wenn der Button zum Überspringen der kostenpflichtigen Reservierung eines Flugzeugsitzplatzes so positioniert ist, dass man ihn garantiert übersieht…

Der Graubereich zwischen legitim, fraglich und betrügerisch ist hier breit und lässt sich kaum gesetzlich regulieren. Der größte Regulator ist hier aber wohl der Kunde: Denn dieser wird sich zweimal fragen, ob er einen Online-Shop wieder besucht, der ihn allzu offensichtlich mit billigen Psychotricks übertölpeln will.

Take-away 14#: Auf die intrinsische Motivation kommt es an!

Möchte man wissen, was Spiele sind, kann man auf der Suche nach einer Definition weit in die Geschichte zurückgehen. Scrum Master und Softwareentwickler Dominik Ehrenberg (Crosscan GmbH) hat in seiner Session auf der webinale 2019 gleich mehrerer Definitionen vorgestellt. Eine davon aus dem Jahr 1938 von Johan Huizinga in seinem Werk “Homo ludens”: “Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und dem Bewußtsein des “Andersseins” als das “gewöhnliche Leben” (Quelle: Johan Huizingo, “Homo ludens: Vom Ursprung der Natur im Spiel”, 1981, S. 37). Allen Definitionen gemeinsam ist, dass die Freiwilligkeit sowie der Wille, ein Problem zu lösen, im Fokus stehen.

Auf die Frage, warum wir spielen, gibt es gleich mehrere Antworten. Zum einen ist da die soziale Komponente, also mit anderen in Kontakt zu treten. Des Weiteren spielt auch die Kompetenz eine Rolle: Über andere Macht ausüben beziehungsweise zeigen, was man kann. Zusätzlich möchte man Autonomie erleben, indem man wählen kann, wie man spielt und was und ob man überhaupt spielen möchte (da wären wir wieder bei der Freiwilligkeit). Spiele leben von der intrinsischen Motivation. Die Lust spielen zu wollen, muss aus dem Inneren eines Menschen kommen. Der Spaß an der Sache ist eine Voraussetzung dafür, dass wir Spiele spielen. Das sollte bei der Verwendung spieletypischer Elemente in spielefremden Kontexten – bei der Verwendung von Gamification – berücksichtigt werden.

Lesen Sie auch: Dominik Ehrenberg (Crosscan GmbH) – Gamification:  „Die meisten Umsetzungen sind Mist!“

Take-away 15#: Ein neurales Netzwerk mit PHP bauen. Echt jetzt?

Neugierig auf den ganzen Hype um maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz? Von „neuronalen Netzen“ und „Deep Learning“ gehört, aber verwirrt darüber, was es wirklich bedeutet? In seinem Vortrag „Build your own Neural Network – with  PHP“ hat Vitor Brandao (Noiselabs Consulting) gezeigt wie künstliche neuronale Netze aussehen und wie diese – tatsächlich mit PHP – gebaut werden können.

Natürlich werden für die Erschaffung neuronaler Netze sehr große Datensätze benötigt. Inspiriert vom menschlichen Gehirn, wird die Machine Learning-Maschine angetrieben. Die Ergebnisse sind erstaunlich genau. Chapeau! – eine gelungene IPC Session-Premiere von Vitor Brandao.

Take-away 16#: Diese Suchmaschine lässt Bäume wachsen!

Ein weiteres Highlight am dritten Hauptkonferenztag war sicherlich die Session von Christian Kroll – Gründer der Suchmaschine Ecosia, der Suchmaschine, die Bäume pflanzt. Er hat Ecosia nach einer einjährigen Weltreise ins Leben gerufen, um Menschen in Entwicklungsländern zu helfen und sich aktiv für den Klimawandel einzusetzen. Die in Berlin ansässige Suchmaschine beschäftigt mittlerweile 35 Mitarbeiter und erzielt einen Umsatz in Millionenhöhe, der sich in einem Baum niederschlägt, der jede Sekunde gepflanzt wird.

In seinem Vortrag zeigte Christian Kroll, wie man ein soziales Unternehmen aufbaut und welche Hürden man dabei überwinden muss. Mittlerweile konnten mit Geldern von Ecosia, mehrere Millionen Bäume gepflanzt werden. Mit seinem ökologisch motivierten Start-up passt Ecosia perfekt in die zur Zeit aufstrebende Bewegung der Klimaaktivisten.

Die Keynotes der Webinale / IPC 2019

Die International PHP Conference und die Webinale fand vom 3. bis 7. Juni in Berlin statt. Wer nicht dabei sein konnte, geht trotzdem nicht leer aus: Drei herausragende Keynotes könnt Ihr bei uns nachträglich verfolgen! Hier sind die Video-Links für euch:

Dienstag, 04.06., 9.30 Uhr: How to make Loveliness: an HTML Treasure Hunt | Bruce Lawson (Web Developer)

Beschreibung: You’re a PHP ninja. You’re a React god. You’re a magician with Sketch. But if your code is assembling HTML to get delivered to a users‘ browser, how much do you know about HTML’s semantics? Choosing the correct HTML elements rather than vomiting a „div“ or belching out a „span“ can greatly enhance the end users‘ experience, with no fragile extra code to write and maintain.

One of the co-editors of the HTML5.3 spec will take you on a magical treasure hunt around HTML, showing you marvellous gifts and hidden wonders that will also help future-proof your code, and turn you into a time-travelling Frontend Superhero, adored by millions*.
(* Actual number not guaranteed. But your users will be happy.)

Mittwoch, 05.06., 14.15 Uhr: PHP to Hack, an incrementally typed Adventure at Slack | Scott Sandler (Slack)

Beschreibung: In 2016, Slack began a migration of its multi-million line PHP codebase to Facebook’s Hack programming language. As we say a bittersweet goodbye to the final lines of PHP in our codebase, this talk reflects on what was surprising, challenging, and beneficial in this migration. We’ll cover some of the benefits and drawbacks of Hack, and places where the PHP community can draw inspiration.

Donnerstag, 06.06., 13.30 Uhr: Web with Sense: How to build a Start-up that is not only profitable, but also improves the World | Christian Kroll (Ecosia)

Beschreibung: Christian is the founder of Ecosia, the search engine that plants trees. He launched Ecosia after a one-year trip around the world to help people in developing countries and become proactive about climate change. The Berlin-based search engine now has over fourty employees and the company generates millions in sales, which translates into a tree being planted every second. In his lecture, Christian shows how to set up a social enterprise and discusses the hurdles you’ll have to overcome.